Provokation
Herausforderung
Absurdes und Nachdenkenswertes aus den sozialen Medien kommentiert von Georg Rieger
Neue Maske
»Der natürliche Mensch ist ein böses Tier, das sein Spiel, auch wenn es für einmal zu Ende ist, allzu gerne in einer neuen Maske an einem anderen Ort von vorne anfängt.«
Karl Barth, Brief an einen amerikanischen Kirchenmann, 1942, in: Eine Schweizer Stimme: 1938-1945, 295
Karl Barth, Brief an einen amerikanischen Kirchenmann, 1942, in: Eine Schweizer Stimme: 1938-1945, 295
EU-Sondergipfel
»Gerade wenn wir, menschlich geredet, auf die höchsten Gipfel steigen, wird unsere tiefste Tiefe offenbar. Je mehr Licht, um so mehr Schatten. Je mehr Eifer, um so mehr Sünde. Je mehr Moral und Ideale, um so mehr Unwahrheit und Lieblosigkeit. Je mehr Urteil, um so mehr Verdammnis.«
Karl Barth, Predigt zu Kol 2,14, in: Predigten 1917 (GA I.32), 119f
Karl Barth, Predigt zu Kol 2,14, in: Predigten 1917 (GA I.32), 119f
Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist
»Politische Pflichterfüllung erschöpft sich aber für uns hoffentlich nicht im Steuerzahlen und in sonstiger passiver Gesetzmäßigkeit. Politische Pflichterfüllung heißt für uns darüber hinaus: Verantwortliches Wählen der Obrigkeit, verantwortliches Entscheiden über die gelten sollenden Gesetze, verantwortliches Achten auf ihre Durchführung, mit einem Wort aktives politisches Handeln, das dann wohl auch politischen Kampf bedeuten kann und muß. Wenn die Kirche dem modernen Staat nicht gerade diese Form politischer Pflichterfüllung zu garantieren hätte, was hätte sie ihm, dem ›demokratischen‹ Staate, dann überhaupt zu bieten?«
Karl Barth, Rechtfertigung und Recht (1938), in: Eine Schweizer Stimme: 1938-1945, 49), 53f
Karl Barth, Rechtfertigung und Recht (1938), in: Eine Schweizer Stimme: 1938-1945, 49), 53f
Die Basis bleibt
»Und ist es Ihnen andererseits nicht erinnerlich, mit welcher strammen biblischen Begründung einst die Theologen der amerikanischen Südstaaten die Notwendigkeit und Rechtmäßigkeit der Sklaverei zu verteidigen wußten? Aber was findet man denn, wenn man in der Bibel überhaupt in dieser Weise Systeme allgemeiner Wahrheit (...) gefunden zu haben meint? Wirklich die Gebote Gottes? Und nicht tatsächlich doch bloß eine in die Bibel hineingetragene, höchst eigene, (...) menschliche Idee von Lebensgestaltung? Ist uns die Schrift dazu gegeben? Lassen wir sie so wirklich den Meister sein, dem wir gehorsam sind? Müßte nicht alle Beachtung und alle Verkündigung der immer konkreten Weisungen der Schrift darauf zielen, uns (...) zum Hören dessen zu erziehen, was Gott durch diese Weisungen uns in der Zeit unserer Not und in der Not unserer Zeit sagen will? (…) Sind seine Gedanken nicht immer wieder höher als unsere Gedanken (...)?«
Karl Barth, An Pastor D. Wilhelm Kolfhaus 1932, in: RKZ 82 (1932), 221
Karl Barth, An Pastor D. Wilhelm Kolfhaus 1932, in: RKZ 82 (1932), 221
Man schämt sich
»In gewissen Krisenzeiten (...) kann dann die Unmenschlichkeit allerdings für eine Weile alle oder fast alle Dämme zerbrechen, zum Entsetzen der nicht direkt Beteiligten in allerlei allgemeiner Verrohung und Verwilderung an den Tag treten. Da mag dann das untere Ende jener schiefen Ebene plötzlich bei Vielen, auch bei Menschen und in Kreisen, in denen das von ferne nicht zu erwarten war, sichtbar werden. Es kann dann wohl das menschliche Kollektiv als solches in erschreckender Weise zum Scheusal werden. Aber solche Krisenzeiten pflegen vorüber zu gehen, das zivile Zusammenleben der Menschen nachher wieder relativ zur Ruhe zu kommen, die ihm notorisch gefährlichen Erscheinungen wieder zu Ausnahmen zu werden. Der Unmensch verzieht sich dann im Ganzen wieder in die Kulisse. Man schämt sich seiner aufs neue.«
Karl Barth, KD IV/2, 496f
Karl Barth, KD IV/2, 496f
Alles für den Eigennutzen
»Das Verhältnis eines heutigen Fabrikanten zu seinen Arbeitern ist eben wirklich nicht ein Abbild des Verhältnisses Jesu zu seinen Jüngern, sondern etwas total Anderes. Einem Menschen kann man sich willig und freudig unterordnen, aber wie kann man zufrieden sein, wenn man einmal gemerkt hat, daß es ja im Grunde doch nur um das goldene Kalb geht? Und nun verschwindet aus diesem Verhältnis Zug um Zug alles Freundliche, Gute, das es natürlicher Weise an sich haben könnte. Wer kann denn heute in abhängiger Stellung seine Arbeit aus eigenem Herzen tun, wie Paulus sagt, wenn er doch sieht, daß er als Mensch mit einem Herzen da gar nicht in Betracht kommt, sondern nur als ein Stück Maschine, das man heute ein- und morgen ausschaltet? Wie kann man in dieser Lage mit gutem Willen arbeiten, wo man doch nur den Götzen Mammon sich gegenüber hat (…)? Wie kann man im modernen Wirtschaftsleben uneigennützig sein, wo Alles auf den Eigennutzen eingerichtet ist und nach Eigennutzen verlangt, weil der Gott dieses Lebens der Eigennutzen selbst ist?«
Karl Barth, Predigt zu Eph 6,5-9, in: Predigten 1919 (GA I.39), 303
Karl Barth, Predigt zu Eph 6,5-9, in: Predigten 1919 (GA I.39), 303
Ausgangslose Sackgasse
»Wußte der Westen schließlich keinen besseren Rat, als seine Zuversicht auf seine infamen A- und H-Bomben zu setzen, und geschah es ihm nicht recht, erfahren zu müssen, daß der andere auf diesem Gebiet auch nicht müßig und erfolglos geblieben war? Gab es ihm gegenüber keine bessere Diplomatie als die, die die Welt nun in diese (...) ausgangslose Sackgasse hineinmanöveriert hat? Und weiter: Was war das für eine westliche Philosophie, politische Ethik — und leider auch Theologie, deren Weisheit darin bestand, den östlichen Kollektivmenschen in einen Engel der Finsternis, den westlichen ›organisation man‹ aber in einen Engel des Lichtes umzudichten und mit Hilfe dieser Metaphysik und Mythologie (...) dem absurden Wettlauf des ›Kalten Krieges‹ die nötige höhere Weihe zu geben?«
Karl Barth, How my mind has changed, 1928-1958, in: Der Götze wackelt, 1961, 202f
Karl Barth, How my mind has changed, 1928-1958, in: Der Götze wackelt, 1961, 202f
Polizei und Gewalt
»Every police action is a violent action (...). Certainly every violent action can only be an ultimate resort, because where violent action takes place, there will always be the danger that the goal of political action is endangered. It cannot be excluded, but it should be excluded. Force can be an argument only in the last instance. But I would not permit myself to forbid the state, in principle, to use power and so also violence. (...) Violence (...) is not forbidden, but avoid it if possible.«
Karl Barth, Fragebeantwortung bei der Konferenz der World Student Christian Federation, in: Gespräche 1959-1962 (GA IV.25), 427
Karl Barth, Fragebeantwortung bei der Konferenz der World Student Christian Federation, in: Gespräche 1959-1962 (GA IV.25), 427
Üble Person
»Das Leben einer staatlichen Gemeinschaft kann ja nicht nur von außen, sondern auch von innen und vielleicht ganz besonders durch eine bestimmte, unter dem Schein und Vorwand rechtmäßiger Regierung hervorgehobene oder sich selbst hervorhebende, üble Person bedroht sein.« (Karl Barth, KD III/4 (1951), 513)
Corona-Labyrinth
»Denn das heißt verstoßen sein in ein Labyrinth ohne Ausgang, verurteilt sein zu einer Sisyphusarbeit ohne Hoffnung, zu einem jagenden Gejagtsein im Kreis herum – wohl vergleichbar jenem Wettspiel, in welchem man in England Hunde hinter einem mechanisch in Bewegung gesetzten Hasen, den sie nie erwischen werden, herrennen läßt. Nur daß es hier um keinen Hund und um kein Wettspiel, sondern um den Menschen, das Geschöpf, dem Gott sich verbündet hat, und um sein einziges Leben geht, und daß der Mensch selber hier zugleich der Verfolgte und der Verfolger, der Genarrte und der sich selbst zum Narren Haltende ist.« (Karl Barth, KD IV/1 (1953), 517)










