Provokation

Herausforderung

Absurdes und Nachdenkenswertes aus den sozialen Medien kommentiert von Georg Rieger

Berufsfragen
Holger Pyka
Ende eines Theaterstücks »Ja, es war ein Ende, was da kam, das spürten wir alle: das Ende eines verlogenen, innerlich unmöglichen Friedens, das Ende eines Wohlbehagens, das sich stolz Kultur nannte und das doch auf eine ganze Hölle von Unwahrheit und Unrecht gebaut war. Das Ende eines Theaterstücks, europäische Zivilisation geheißen, das längst nur noch die Toren ernst genommen hatten. (...) Es kam eine Zeit, und sie ist noch nicht vorbei, die es mit furchtbarer Ehrlichkeit an den Tag gebracht hat, was der Mensch eigentlich ist. Es kam die Zeit, wo aus der ganzen schwindelhaften Hölle von Moral und Fortschritt und Idealen die Grundsätze: Jeder ist sich selbst der Nächste! (…) hervortraten als der rohe Sinn des Menschenlebens in einer Weise, daß auch der zuversichtlichste Bürger etwas merken mußte.« (Karl Barth, Predigt zu Mt 7,24-27, in: Predigten 1915 (GA I.27), 304f)
Weihnachtsbotschaft »Es soll nur keiner von uns so grämlich und verstockt sein, bei seinem Weihnachtsbaum (...) nicht ernstlich auch dies zu bedenken, daß Gott zweifellos auch für die Nazis ist. Auch für die Dummen und Feigen, auch für die alten und jungen Spießbürger, deren ahnungslose Bösartigkeit uns heute so viel Mühe macht, die wir rütteln und schütteln möchten, damit sie aus dem Schlaf aufwachen, bevor es zu spät ist? Es geht nicht anders: die Weihnachtsbotschaft sagt es nun einmal, daß Gott auch für sie ist. Je mehr sie (...) es nötig haben, um so mehr! Was das bedeutet, daß Gott gegen alle Teufeleien, gegen alle Tyrannei und Anarchie, gegen allen Nihilismus ist, das versteht man doch gründlich erst dann, wenn man versteht, daß er für den Menschen, für alle, für jeden Menschen und darum gegen alle Teufeleien ist, die wir Menschen einander bereiten, die wir Menschen voneinander zu erleiden haben. Und wenn wir (...) alles tun sollen, um diesen Bestien Abbruch zu tun, so versteht man doch auch das erst dann gründlich, wenn man die letzte Antwort, die Freudenbotschaft der Weihnacht versteht: daß auch wir dabei im Grunde für den Menschen, für alle Menschen, für jeden Menschen sein dürfen.« (Karl Barth, Die letzte Frage und Antwort (1938), in: GA I.26, 417f)
Es könnte für immer sein »Es gibt Menschen, die uns geradezu verderblich sind. Da handelt es sich nicht bloß um Irrwege, die wir früher oder später wieder verlassen können, sondern da handelt es sich um unser Schicksal, wenn wir uns ihnen anvertrauen. Besonders junge Menschen sollten sich vorsehen vor der furchtbaren Gefahr, daß Einer kommt und ihnen Gift in die Seele träufelt. Es könnte für immer sein.« (Karl Barth, Predigt zu Joh 2,23-25, in: Predigten 1913 (GA I.8), 47f)
Alte Tante SPD

»Aber immerhin – ich habe über der deutschen Sozialdemokratie noch eine prophetische Wolke schweben gesehen, die sich dann merklich entfernt hat, und am Ende des [1. Welt-]Krieges ist die dann gänzlich bei den Spartakus-Leuten und der damaligen Linken stehengeblieben und hat sich dann noch weiter nach links verzogen. Und nun könnte ich ja nur sagen: Es ist nicht schlechterdings unmöglich, daß die SPD sich in einer künftigen Situation vielleicht von ihrer Krankheit [erholt], unter der sie auch in der Schweiz leidet« (Karl Barth, Gespräch 1963, in: Gespräche 1963 (GA IV.41), 81).

Klima-Leugner

»Versäumt der Mensch seine Verantwortung diesem [Schöpfer]Gott gegenüber, so kann er durch keine Berufung auf seine geschöpfliche Geringfügigkeit und Ohnmacht entlastet und entschuldigt sein.« (Karl Barth, KD III/3, 235)

Hüter der Freiheit

»Anders steht nun die Sache, wo Volksbehörden eingesetzt sind, um die Willkür der Könige zu mäßigen (...). Wo das also so ist, da verbiete ich diesen Männern nicht etwa, der wilden Ungebundenheit der Könige pflichtgemäß entgegenzutreten, nein, ich behaupte geradezu: wenn sie Königen, die maßlos wüten und das niedrige Volk quälen, durch die Finger sehen, so ist solch ihr absichtliches übersehen immerhin nicht frei von schändlicher Treulosigkeit; denn sie verraten ja in schnödem Betrug die Freiheit des Volkes, zu deren Hütern sie, wie sie wohl wissen, durch Gottes Anordnung eingesetzt sind!« (Calvin, Institutio IV, 20,31).

Mauerangst

»In der Welt haben wir Angst. (...) Angst vor ihr, ob sie nicht schon die Hölle oder doch ein einziges Narrenhaus oder doch ein einziges großes Spital für Unheilbare sein möchte, Angst vor dem Mitmenschen als dem uns ewig Fremden, Angst  (...) vor unserer Vergangenheit und vor unserer Zukunft, vor unserem Versagen und vielleicht noch mehr vor unserem Können, vor unserem Sterben und vielleicht noch mehr vor unserem Leben, Angst vor unserem eigenen Bild, wie es uns aus dem Spiegel anschaut. Endlich und zuletzt aber Angst vor dem, von dem her, durch den und zu dem hin wir sind – Angst vor Gott in seiner allmächtigen und allgegenwärtigen Heiligkeit.« (Karl Barth, Predigt zu Joh 16,33 (1952), in: Predigten 1935-52 (GA I.26), 396).

Flugscham

»Was ist durch Auto, Flugzeug und Rakete über die Zeit des Fußmarsches und der Postkutsche hinaus nicht nur anders, sondern besser geworden im menschlichen Dasein: (...) hinsichtlich des Verständnisses und der Meisterung seiner eigentlich brennenden Probleme und Nöte, hinsichtlich der realen Beziehungen von Mensch zu Mensch? Haben sie uns auch nur eine offenere, tiefere, fruchtbarere, schönere, gütigere Anschauung des uns umgebenden Kosmos (...) vermittelt? Fährt der moderne Reisende nicht an hundert bemerkenswerten Dingen stur vorbei: blind, wo seine Vorfahren noch sehend waren (...)? Ist das Leben durch unsere glücklich erreichten Schnelligkeiten nun wirklich leichter – nicht auch schwerer geworden? Oder ist zu erwarten, daß sich das Alles durch weitere Beschleunigungen unseres Laufes finden möchte: etwa mit Hilfe atomar getriebener Vehikel oder wenn es erst wirkliche Weltraumkutschen geben, wenn auch der Mond dem nach der Venus Reisenden keines Blickes mehr wert sein wird?« (Karl Barth,  KD IV/4, Fragmente aus dem Nachlass 1959-1961, 395)

50 Jahre Internet

»Es begannen die ersten Eisenbahnen durch Europa zu rasseln, die ersten Dampfschiffe über den atlantischen Ozean zu fahren, die ersten elektrischen Telegraphen zu spielen, die ersten Vorläufer der heutigen Photographie gerade das leibliche Antlitz des Menschen, wie er ist, zu verewigen. Es begann das große Interesse eines bemerkenswerten Teils der abendländischen Intelligenz an den Problemen einer sehr realen Erwerb verheißenden Technik. Es begann dementsprechend die Riesenabwanderung der städtischen und ländlichen Massen in die Fabriken, die Eisenhütten, die Bergwerke. Die Menschengestalt des Roboters, der nach seiner Seele nicht frägt und auch nicht gefragt ist und darum auch nach der Anderer nicht fragen kann, der von einem anonymen Machtzentrum her geschaffen, bewegt, regiert, gebraucht und nach Verbrauch beiseitegeworfen und durch einen Anderen seinesgleichen ersetzt wird, diese materialistische Menschengestalt war jetzt im Aufstieg.« (Karl Barth, KD III/2 (1948), 464).

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