Provokation

Herausforderung

Absurdes und Nachdenkenswertes aus den sozialen Medien kommentiert von Georg Rieger

Reichstagsbrand »Ist es nicht Tatsache, daß der Nationalsozialismus seine Herrschaft in Deutschland auf eine der größten, weil bewußtesten Betrügereien der Weltgeschichte begründet hat – auf eine Betrügerei, wie sie m. W. nun doch weder am Anfang der englischen noch an dem der französischen Revolution zu finden ist – nämlich auf den, wie man heute wissen kann, von den Nationalsozialisten selber veranstalteten Reichstagsbrand, auf Grund dessen die Presse und politische Arbeit der Opposition unterdrückt und jene knappe ›nationale‹ Mehrheit bei der Reichstagswahl von 1933 erzielt wurde, aus der dann, wieder mit Tücke und Gewalt, die nationalsozialistische Alleinherrschaft hervorging?«
Karl Barth, Die Kirche und die politische Frage von heute (1938), in: Eine Schweizer Stimme: 1938-1945, 91
Lebensbedingungen aller »Das Prinzip: mens sana in corpore sano  [ein gesunder Geist in einem gesunden Körper] kann ein höchst kurzsichtiges und brutales Prinzip sein, wenn es nur individuell, wenn es nicht in der Erweiterung verstanden wird: in societate sana [in einer gesunden Gesellschaft]. Und diese Erweiterung kann nicht nur bedeuten, daß dafür gesorgt sein muß, daß die Wohltaten der Hygiene, des Sportes und der Medizin allen oder doch möglichst vielen zugute kommen. Sie muß bedeuten, daß eben die allgemeinen Lebensbedingungen Aller oder doch möglichst Vieler so gestaltet werden, daß sie als solche für deren Gesundheit nicht nur keine negative, sondern die positive, präventive Wirkung bekommen, die sie ja für viele Bevorzugtere, wenn auch in verschiedenem Maß, faktisch schon haben. Der Wille zur Gesundheit eines Jeden muß also auch die Gestalt des Willens (...) zu einer neuen, ganz anderen, bessere Lebensbedingungen für Alle garantierenden Gesellschaftsordnung – annehmen.«
Karl Barth, § 55 Freiheit zum Leben (1951), in: KD III/4
US-Wahl 2020 »Kriege und Revolutionen, Wahlen und Abstimmungen, Strafen und Machtbeweise jeder Art der einen Menschen über die anderen sind unvermeidlich, aber nur als göttliche Gerichte. Quellen der Erlösung sind solche Ereignisse nicht. Sie vermehren das Leiden der Menschheit, sie führen tiefer und tiefer in den Urwald der Not hinein«
Karl Barth, Predigt zu Mt 26,47-56, in: Predigten 1919 (GA I.39), 111f
Dummheit »Die Dummheit führt wie die Dämonen und als eine der bemerkenswertesten Gestalten des Dämonischen ein Leben von unheimlicher Eigenständigkeit, dessen Expansionen und Evolutionen keine Gegenwehr sobald gewachsen ist.«
Karl Barth, KD IV/2, 465
Jugendwort 2020: lost »Sie spüren, wie der Boden unter uns schwankt. Sie merken, was für ein zerbrechliches, hinfälliges, geringfügiges Ding das Leben ist, das ihnen so lieb war. Sie merken, daß der Teufel und die Hölle verborgen sind in der Menschennatur, wenn sie ungehindert ihren eigenen Lauf nehmen darf. Sie merken, daß das bißchen Christentum und Kultur, das wir haben, ein dünner Firnis ist über unserem Wesen, auf den man sich nicht verlassen kann. Sie haben auf einmal das Vertrauen verloren, von dem sie vorher erfüllt waren. Die Welt hat ein anderes Gesicht bekommen. Nebel sind zerrissen, die wir für den Himmel hielten. Götzen sind gefallen, die wir anbeteten. Die Frage: woher kommen wir? und wohin gehen wir? ist uns auf einmal lebendig und brennend geworden. Die Frage: ist das Alles? Ist das nun das Leben, das Menschenleben, das, was sich da von Woche zu Woche furchtbarer vor uns ausbreitet«
Karl Barth, Predigt zu Mk 10,17-23, in: Predigten 1914 (GA I.5), 506
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