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Gebet

Wenn wir im Gottesdienst beten, vollziehen wir etwas sehr Schwieriges. Was ansonsten eine sehr persönliche Angelegenheit ist, sprechen die Liturg*innen für alle aus. Da liegen viele Fallstricke aus: In manchen Gebeten werden die Gottesdienstbesucher*innen in Gemütszustände hineingezogen, mit Schuldeingeständnissen überrumpelt oder zu Bekenntnissen genötigt. Die Formulierung eines gottesdienstlichen Gebets ist eine anspruchsvolle Aufgabe.

Was das persönliche Gebet angeht, gibt es eine riesige Bandbreite von Formen und Verständnissen: Manche führen regelrechte Gespräche mit Gott und hören sogar eine Stimme, die ihnen etwas antwortet. Andere verstehen das Gebet als Moment einer Selbstreflexion, die sonst im Leben keinen Platz findet. Richtiges und falsches Beten gibt es nicht. Auch über die Regelmäßigkeit gibt es verschiedene Auffassungen, die alle etwas für sich haben. 

Dass Gott ansprechbar ist, unterscheidet ihn nicht von anderen Göttern oder Götzen. Möglicherweise gibt es aber einen Unterschied bei der Art der Ansprache. Schon in der Bibel – und gerade in den ältesten Texten – ist die Bandbreite enorm. Gott hört sich vom überschwänglichen Dank bis zur verzweifelten Klage alles an - sogar wütende Beschwerden und Beschimpfungen. Formvollendete Ehrerbietung ist dagegen selten, und wenn, dann offenbar mehr ein menschliches Bedürfnis als eine Zugangsvoraussetzung. Das offene Ohr und das bedingungslose Vertrauen, das Gott den Betenden schenkt, scheint das wichtigste zu sein, was zum Beten einlädt.


Georg Rieger