Ethik
Moral und Ethik haben das gleiche Ziel, nämlich den Menschen zu einem guten Handeln zu bewegen. Ziemlich unterschiedlich ist allerdings die Zugangs- und Vorgehensweise: Während die Moral auf einen gemeinsamen Nenner drängt, hinterfragt die Ethik die vorherrschenden Vorstellungen und sucht nach Argumenten. Ethik ist eine Wissenschaft und lässt sich so wenig wie möglich von Meinungen beeinflussen.
Allerdings gibt es innerhalb der philosophischen Ethik Unterschiede bei der Bestimmung des Ziels: Wann ist der Zustand erreicht, auf den gutes Handeln zuarbeitet? Wann ist der Mensch glücklich? Gibt es da nicht doch wieder sehr unterschiedliche Vorstellungen, die die Diskussion erschweren? Auch die theologische Ethik kann keine eindeutige Antwort geben, weil Gott sich nicht in die Karten schauen lässt, wie er sich den perfekten Menschen vorstellt.
Der in Kreisen der Ethiker nicht sonderlich beachtete Heidelberger Katechismus schlägt einen interessanten Perspektivwechsel vor: Warum das Handeln an einem Ziel ausrichten und nicht am Ursprung? „Wir sollen gute Werke tun, (…) damit wir mit unserem ganzen Leben uns dankbar gegen Gott für seine Wohltat erweisen …“ (Frage 86).
Gutes Handeln aus Dankbarkeit ist schon deshalb ein interessanter Ansatz für die Ethik, weil es den Menschen demütig macht und von der niemals konsensfähigen Frage nach dem Ziel ablenkt. Was bleibt, ist die Arbeit an der Frage, was zu tun ist. Das müssen auch dankbare Menschen immer wieder ausloten, abwägen und nochmal hinterfragen.
Georg Rieger