Die AfD in Sachsen-Anhalt fordert in ihrem Wahlprogramm, die jährliche Landesförderung der Evangelischen Akademie in Höhe von 70.000 Euro zu streichen. Sie begründet mit kirchlichen Eigenmitteln und einer angeblich einseitigen politischen Ausrichtung der Akademie. Diese engagiert sich unter anderem für Demokratiebildung und gegen Antisemitismus. Wir sprachen mit Christoph Ulrich Maier, Direktor der Akademie.
Reformierter Bund: Die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt liegen wenige Wochen zurück. Im Programm der AfD heißt es: „Kein Geld mehr für die Evangelische Akademie.“ Was haben Sie gedacht, als Sie das Wahlergebnis sahen?
Christoph Ulrich Maier: Zunächst muss man relativieren: „Kein Geld mehr für die Evangelische Akademie“ ist ein Kampfslogan. Der Angriff auf uns und die Kirchen hat eine symbolische und eine inhaltliche Ebene, die sich nicht im Monetären erschöpft.
Die 70.000 Euro für Projekte, die wir mit dem Land gemacht haben, tun weh und werden unsere Arbeit vor Ort schwächen. Aber wir haben starke Trägerkirchen und können andere Drittmittel beantragen. In den letzten Wochen war mein Hauptgeschäft, unsere Fördermittelstrategie zu diversifizieren, falls die AfD regieren wird.
Andere zivilgesellschaftliche Organisationen haben eine weitaus größere Förderquote als wir und stehen ebenfalls im Hundert-Tage-Programm. Mit ihnen sind wir solidarisch und treten gemeinsam auf. Bei migrantischen Organisationen wie dem Landesnetzwerk Migrantenorganisationen in Sachsen-Anhalt“ (LAMSA) oder Opferberatungsstellen wie Miteinander e. V. ist das zum Beispiel knallharte Kulturpolitik. Dort geht es darum, diesen Einrichtungen den Saft abzudrehen. Das wird die AfD mit der Evangelischen Akademie nicht schaffen.
Reformierter Bund: Warum gerade die Evangelische Akademie? Gab es eine Vorgeschichte?
Christoph Ulrich Maier: Wir stehen für alles, was eine AfD nicht will: einen Diskurs, der vernunftgeleitet durch das freie Spiel der Argumente zur Überzeugung führt. Wir haben ein Profil in einer liberalen evangelisch-protestantischen Theologie und die Aufgabe, einer Demokratisierung von Kirche und Gesellschaft zu dienen.
Das hat in den letzten Jahren zu Auseinandersetzungen in Wittenberg geführt, die offensichtlich bis nach Magdeburg vorgedrungen sind. Dann hat man den Titel im Haushalt gefunden und gesehen, dass man eine einfache und rechtssichere Durchgriffsmöglichkeit auf diese Mittel hat. Das wurde bis ins Hundert-Tage-Programm getragen. Was man uns vorwirft, ist die Aufladung mit einer Anti-Ideologie, die als Feindfolie dient, um sich davor besser präsentieren zu können. Das ist die Strategie.
Reformierter Bund: Was für ein Bild von Religion hat die AfD?
Christoph Ulrich Maier: Das lässt sich klar ableiten, wenn man Hans-Thomas Tillschneider zuhört. Er hat eine sehr klare Vorstellung davon, was Christentum ist und wie es sein soll. Das entspricht weder unserem Verständnis noch dem der meisten evangelischen Landeskirchen. Er bezieht sich auf orthodoxe und andere vormoderne Formen christlichen Glaubens, die in einer unlöslichen Verbindung zu politischen Ideen als heilsbringende Institutionen stehen.
Das sollte man nicht als bloßes Missverständnis herunterspielen. Das ist keine Bösartigkeit, sondern Programmatik. Dahinter steht eine schauerliche Verbindung von Thron und Altar.
Reformierter Bund: Befürchten Sie, dass auch inhaltlich Druck auf die Kirchen ausgeübt werden könnte?
Christoph Ulrich Maier: Der Kirchenparagraf war der einzige Punkt im Wahlprogramm, der zwischen dem Entwurf und der verabschiedeten Fassung signifikant verändert wurde. Er wurde deutlich entschärft. Es geht um den staatlichen Einzug der Kirchensteuer und die Zahlungen des Landes an die Kirchen, die sogenannten Staatsleistungen. Diese sind nach dem Grundgesetz abzulösen. So, wie die AfD es machen will, geht es mit Sicherheit nicht. Falls sie regiert, wird es weitere politische Gespräche geben.
Offensichtlich hat man gemerkt, dass die Kirchen noch nicht ganz „reif“ für den Abschuss sind. An Tillschneiders Äußerungen lässt sich zeigen, wie in Sachsen-Anhalt der „Christian Turn“ der neuen Rechten etabliert werden soll. Man muss ernst nehmen, dass dahinter eine stringente Programmatik steht.
Reformierter Bund: Wie nehmen Sie die Stimmung in Sachsen-Anhalt wahr? Spiegelt sich die Haltung der AfD in Ihrem Alltag wider?
Christoph Ulrich Maier: Wir sitzen in Lutherstadt Wittenberg und sind durch unsere Vernetzung mit der Zivilgesellschaft und regionalen Partnern nah an den Menschen. Mit unserem Format „Am Gartenzaun“ nutzen wir die Methode „Sprechen und Zuhören“ von Mehr Demokratie e. V., um kleine Räume und ländliche Gebiete für Austausch und Dialog zu erschließen. Dort treffen unterschiedliche, auch polarisierte Positionen aufeinander – vom Stadtrat, der aus der AfD ausgetreten ist, bis zu zivilgesellschaftlichen Akteuren, die sich für linke Politik engagieren.
Das Paradoxe ist, dass wir für diese Arbeit durchaus Wertschätzung erfahren. Ein Landtagskandidat der AfD sagte hinterher: „Das ist ein tolles Format, das müsst ihr unbedingt weitermachen.“ Da habe ich ihm gesagt: „Herr X, wenn Sie uns die Mittel nicht streichen, dann können wir das gerne weitermachen.“
Es herrscht keine feindselige Stimmung. Wir sind nicht mehr in den Baseballschläger-Jahren oder in der Phase, in der Galgenampeln über den Marktplatz getragen wurden. Wir erleben einen hoffnungsvollen Aufbruch. Viele Menschen verbinden mit dem politischen Wechsel große Erwartungen. In Ulrich Siegmund haben sie eine Erlöserfigur gefunden, der sie alles zutrauen. Auch der Slogan „Alles ist möglich“ wird tatsächlich so geteilt und wahrgenommen.
Dass ich auf Veranstaltungen weniger von den großen Negativfolien und den Erzählungen von den schlimmen Ausländern mit ihren Messern höre, macht mich noch betroffener und nachdenklicher. Das macht die ganze Sache gefährlicher – so ein bisschen der Wolf im Schafspelz.
Reformierter Bund: Was bedeutet das für die Rolle der Kirchen?
Christoph Ulrich Maier: Es gibt zwei Möglichkeiten, den Menschen zu sehen: als kooperatives Wesen oder als Wesen, das mit anderen ums Überleben konkurriert. Ein liberaler demokratischer Staat organisiert Kooperation, um das Bestmögliche für möglichst viele zu erreichen. Das Staatskonzept, das der AfD vorschwebt, geht von Konkurrenz aus: Man muss die Stärksten herausbilden, die gegen die Schwachen überleben werden.
Damit verschieben sich auch unsere Bewertungen von Gut und Böse. Plötzlich gelten „wir“ als Demokratiefeinde, weil wir versucht haben, die AfD über die Brandmauer auszuschließen. Deutungen lassen sich umkehren. Das ist eines der wichtigsten Learnings aus dieser Wahl.
Man kann diesen Epochenumbruch gar nicht hoch genug einschätzen. Das hegemoniale Projekt der neuen Rechten hat die Schwelle zur Hegemonie überschritten. Die Art, wie „wir“ Gesellschaft lesen, deuten und bewerten, ist nicht mehr hegemonial. Möglicherweise stehen sich zwei gleich starke Lager mit diametral unterschiedlichen Vorstellungen von Gut und Böse gegenüber.
Reformierter Bund: Wie möchten Sie reagieren, falls die AfD in Sachsen-Anhalt regiert?
Christoph Ulrich Maier: Wir machen genauso weiter wie in den letzten Monaten und Jahren. Wir sind näher an unserem Gründungsauftrag als Evangelische Akademien als je zuvor. Die Plausibilität unserer Arbeit ist so groß, dass ich keine Motivationsschwierigkeiten habe. Auch unsere Trägerkirchen wissen sehr genau, warum es gerade jetzt Evangelische Akademiearbeit braucht. Das macht mich zuversichtlich.
Der Wahlkampf wurde in den kleinen Öffentlichkeiten verloren, und die müssen wir wiedergewinnen. Das Leben findet nach wie vor in den Dörfern, Kleingartenvereinen und Kirchgemeinden statt. Wir müssen Debatten aus Talkshows und sozialen Medien in Räume lenken, in denen Menschen einander begegnen, widersprechen und hinterher trotzdem zusammen ein Bier trinken gehen.
Was wir brauchen, sind also keine Großdemonstrationen und Kampagnen, sondern das Vertrauen der Menschen. Die Kirchen haben dabei einen wichtigen Beitrag zu leisten. Gemeinwesenorientierte Arbeit hat nichts mit dem Verfall der Kirche zu tun, sondern ist eine große Chance. Die Kirchen in unserer Region haben das zu DDR-Zeiten mit den Basisgruppen vorgemacht, denen sie Heimat gegeben haben.
Reformierter Bund: Was bedeutet dieser Umbruch für die Kirchen?
Christoph Ulrich Maier: Wir stemmen uns gegen Phänomene einer sich ermüdenden Moderne: Individualisierung, aber auch Säkularisierung. Genau dort setzt die AfD an. Sie setzt klare Identitätsbildung gegen eine individualisierte und weitgehend säkulare Gesellschaft – mit religiöser Sprache im säkularen Gewand.
Nicht wir als Akademien und Kirchen sind zu politisch geworden, sondern Politik nimmt immer mehr Heilszüge an. Ulrich Siegmund ist eine Messiasgestalt, so wie er hier gefeiert wurde und durchs Land gezogen ist. Das muss uns nachdenklich machen.
Es ist schwierig, diese Dimension in einen öffentlichen Diskurs einzubringen, der religionskritisch bis kirchenfeindlich ist und religiöse Sprache kaum noch versteht, weil nur noch zehn Prozent der Menschen hier eine Kirchenbindung haben. Aber ich halte es für unbedingt notwendig, darauf hinzuweisen. Es geht um unser eigenes Feld.
Auch die Erwartung, Friedrich Merz müsse eine neue Erzählung von Zuversicht und Hoffnung liefern, zeigt, wie viel Politik zugeschrieben wird. Dafür ist nicht die Politik zuständig, zumindest nach meinem Verständnis nicht. Das hat zutiefst mit der Seele des Menschen zu tun. Da bin ich bei Martin Luther: Es wird zu viel ineinander gebraut und gemengt. Was die Seele angeht, hat der Pfaffe zu regeln. Was die Politik und das Äußere angeht, hat der Politiker zu regeln. Das sind ganz basale Dinge unserer liberalen Ordnung: die Trennung zwischen Kirche und Staat. Und das geht uns hier gerade unter der Hand flöten.