Missbrauch an Frauen geschieht auch in unserer Nähe

Häusliche Gewalt - Predigt zu Ri 19

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Von Sylvia Bukowski

Liebe Gemeinde,

Nicht nur in anderen Ländern, weit weg von uns, und nicht nur um ihres Glaubens willen sind Frauen besonderen Formen von Gewalt ausgesetzt. Immer noch werden sie weltweit und auch hierzulande Opfer eines Männlichkeitsverständnisses, das Frauen benutzt, um die eigene Macht zu demonstrieren. Nach diesem Verständnis werden Frauen wie ein Besitz des Mannes behandelt, sie werden gedemütigt, sexuell missbraucht und manchmal getötet, wenn sie den männlichen Erwartungen nicht genügen. In Deutschland sind es jährlich bis zu 149 Frauen, die aus diesem Grund umgebracht werden, und nicht nur im muslimischen Milieu.

In der Bibel spiegelt sich eine patriarchale Gesellschaft, in der in der Regel Männer über Frauen verfügen – die Ausnahmen haben feministische Theologinnen in den letzten Jahren herausgestellt als Ermutigung für heutige Frauen, ihre Stärken zu entdecken und sich nicht länger von Männern benachteiligen zu lassen. Aber die Bibel enthält eben auch schockierende Geschichten von Missachtung und Gewalt gegen Frauen, sie erzählt schonungslos von brutalen Erfahrungen, die Frauen bisweilen auch heute noch machen. Diese Erfahrungen sollen in der Kirche nicht übersehen, nicht ausgeblendet, nicht vergessen werden bis sie endlich einmal überwunden sind. Deshalb mute ich Ihnen heute zu, einer grausamen biblischen Geschichte zuzuhören, und sie im Kontext unserer Gegenwart zu sehen als Aufforderung, für alle Frauen, die solchem Leid ausgesetzt sind, zu beten und ihnen nach Möglichkeit beizustehen.

Die Frau, von der im Buch Richter, Kap 19,1-30 erzählt wird, hat keinen Namen. Schon das macht sie zur einer der vielen anderen namenlosen Frauen, die ein ähnlich brutales Schicksal wie sie erleiden. Die meisten gehen, wenn überhaupt, als Zahl in die Kriminalgeschichte ein. Und über Zahlen kann man leicht hinweggehen. Erst wenn ein Gesicht dazu kommt, eine Lebensgeschichte mit all ihren Eigenheiten, ihren Hoffnungen, ihren Enttäuschungen, erst dann rücken einem die Opfer von Gewalt nahe, erst dann fängt man an zu begreifen: Es sind einzigartige Persönlichkeiten, Menschen, so lebenshungrig und verletzlich wie ich. Die Ausstellung in unserem Kirchenkreis über die Opfer rechter Gewalt möchte genau das: aus der Zahl 183 Opfer rechter Gewalt wieder Menschen zu machen, mit eigener Geschichte, Menschen, die uns ansehen und fragen: Wo stehst du?

In der biblischen Geschichte aus dem Richterbuch bleibt die Frau ohne Namen, ohne Gesicht. Was wir von ihr erfahren ist: Ein Levit hat sie sich als Nebenfrau genommen. Kein sicherer Status für eine Frau. Und nun beginnt die Beziehung zu kriseln, wie das ja bei vielen Paaren nach der ersten Verliebtheit ist. Allerdings eskaliert die Situation offenbar so sehr, dass, wie es heißt, die Frau so „erzürnt“ ist über ihren Mann, dass sie beschließt, zurück in ihr Elternhaus zu gehen. Ein Akt schierer Verzweiflung, verbunden mit der Scham, in der Ehe gescheitert zu sein. Und für die Eltern eine Belastung. Aber wohin sonst könnte die Frau gehen? Heute können Frauen auch in Frauenhäusern Zuflucht finden, wenn die Beziehung unerträglich wird und Gewalt im Spiel ist. Aber immer noch ist das für viele Frauen ein schwerer Schritt, den sie erst in höchster Not schaffen. In der biblischen Geschichte versucht der Mann nach 4 Monaten, die Frau zurückzuholen. Er nimmt den langen Weg nach Bethlehem auf sich, und „redet der Frau zu Herzen“ wie es im hebräischen heißt. Luther übersetzt: Und er redete freundlich mit ihr, um sie zu sich zurück zu holen. Und am Ende geht sie mit ihm.
 
Auch das geschieht heutzutage häufig und ich habe es auch als Pfarrerin hier am Opphof öfters erlebt: Selbst wenn Frauen vor heftigster häuslicher Gewalt ins Frauenhaus geflohen sind, können viele von ihnen den Krokodilstränen und großartigen Versprechungen ihrer Männer, sich zu bessern, nicht widerstehen können und kehren am Ende, so wie die Frau des Leviten, zu dem Mann zurück. Aber meist erwartet sie nicht das versprochene bessere Leben, sondern noch mehr Gewalt.

Der Levit macht sich nun also nach ein paar Tagen im Haus des Schwiegervaters mit seiner Nebenfrau auf den Heimweg. Er wählt einen ungewöhnlichen Zeitpunkt für seine Abreise, spätnachmittags, wo es bald dunkel wird. Das ist gefährlich. Denn schon damals waren Reisende in der Dunkelheit nicht sicher. Die kleine Reisegruppe erreicht in der Dämmerung nach Jebus, das spätere Jerusalem. Der Knecht schlägt vor, dort zu übernachten. Aber der Levit sagt: „Wir wollen nicht in der Stadt der Fremden einkehren, die nicht von den Israeliten sind, sondern wollen hinüber nach Gibea.“ Sie sehen, das Misstrauen gegen Fremde hat eine lange, viel zu lange Geschichte. Bei den eigenen Leuten meint der Levit sicherer zu sein. Aber was erwartet ihn dort!

Niemand will die kleine Reisegruppe beherbergen. Dann aber kommt ein alter Mann vorbei, der von der Feldarbeit auf dem Weg nach Hause ist, spricht sie an und bietet ihnen Unterkunft bei sich. Sie essen und trinken zusammen und als sie guter Dinge sind, hämmert es plötzlich an der Tür. Draußen hat sich eine Gruppe von Männern versammelt und fordert von dem alten Mann: Gib den Mann heraus, der in dein Haus gekommen ist, dass wir uns über ihn hermachen. Ich zitiere weiter, VV 23-28:

„Aber der Mann, der Hauswirt, ging zu ihnen hinaus und und sprach zu ihnen: nicht doch, meine Brüder, tut doch nicht solch ein Unrecht. Nachdem dieser Mann in mein Haus gekommen ist, tut nicht solch eine Schandtat! Siehe ich habe eine Tochter, noch eine Jungfrau, und dieser hat eine Nebenfrau, die will ich euch herausbringen. Die könnt ihr schänden und mit ihnen tun, was euch gefällt, aber diesem Mann tut nicht solch eine Schandtat. Aber die Leute wollten nicht auf ihn hören. Da fasste der Mann seine Nebenfrau und brachte sie zu ihnen heraus. Die machten sich über sie her und trieben ihren Mutwillen mit ihr. Die ganze Nacht bis an den Morgen. Und als die Morgenröte anbrach, ließen sie sie gehen. Da kam die Frau, als der Morgen anbrach, und fiel hin vor der Tür des Hauses, in dem ihr Herr war, und lag da bis es licht wurde. Als nun ihr Herr am Morgen aufstand und die Tür des Hauses auftat und herausging, um seines Weges zu ziehen, siehe, da lag seine Nebenfrau vor der Tür des Hauses, die Hände auf der Schwelle. ER sprach zu ihr: Steh auf, lass uns gehen. Aber sie antwortete nicht....“

Die Frau wird das Opfer einer Gruppenvergewaltigung, eines grauenhaften Verbrechens, das immer öfter auch in gegenwärtigen Medienberichten auftaucht, und das vor Jahren, als ich hier Pfarrerin war, auch einer jungen Frau aus der Gemeinde geschehen ist. Ein Verbrechen, das den Körper und die Seele des Opfers zerstört, die Täter aber meist unbelastet lässt. Wie gut, dass es inzwischen leichter geworden ist, solche Verbrechen anzuzeigen. Früher wurde immer die Frau verdächtigt, die Männer provoziert zu haben: Dann hieß es: Du hast sicher zu aufreizende Kleidung getragen, du hast es selbst drauf angelegt und hast du dich überhaupt richtig gewehrt? Den Zwang sich selbst rechtfertigen zu müssen haben die betroffenen Frauen als weitere Beschämung erlebt, und viele hat die Angst davor davon abgehalten hat, das Verbrechen zu melden.

Auch in der Bibel gibt es eine Handschrift, die in diese fatale Richtung weist. Da heißt es am Anfang, als von dem Streit der Eheleute die Rede ist, „die Frau benahm sich wie eine Hure“. Dank der Einsicht derer, die die Endfassung des Textes bestimmt haben, ist diese Version gestrichen worden. Sonst hätten die Frauenverächter aller Zeiten sich auch noch auf  biblische Rückendeckung berufen können mit ihrer billigen Ausrede, vergewaltigte Frauen seien letztlich „selbst schuld.“

Was das Verbrechen in dieser biblischen Geschichte noch grauenhafter macht, wenn es überhaupt noch eine Steigerung gibt, ist das Verhalten der beiden Männer, die die Frau doch eigentlich beschützen müssten. Der Gastgeber bietet sie und seine eigene, noch jungfräuliche Tochter den Männern an und sagt ausdrücklich: „Die könnt ihr schänden und mit ihnen tun, was euch gefällt!“ Und schließlich ist es der eigene Mann, der die Frau dem grölenden Mob vor die Füße wirft, wohl wissend, was mit ihr geschehen wird.

Auch heute geht die Gewalt gegen Frauen meistens von Männern aus, die sie eigentlich beschützen müssten. In dieser Gemeinde habe ich erlebt, wie ein Mann seine schwangere Ehefrau auf der Autobahn aus dem fahrenden Auto geworfen hat. Ein anderer Mann hat seine Frau mit den Kindern im Winter ausgesperrt und nachts vor der Tür stehen lassen (kein Nachbar ist ihnen zu Hilfe gekommen). Und eine Mutter wusste genau, dass ihr Bruder, der gute Onkel der Kinder, die Töchter regelmäßig missbraucht hat. Keiner sage also, so etwas geschehe nur in muslimischen Kreisen, weil die die Frauen angeblich ja gar nicht achten. Nein. Solche Verbrechen gegen Frauen sind auch hier am Opphof, ganz in der Nähe geschehen. In deutschen Familien!

Im 55. Psalm heißt es: Wenn mein Feind mich schmähte, wollte ich es ertragen, wenn einer, der mich hasst, mich bedrohte, wollte ich mich vor ihm verbergen. Aber nun bist du es, mein Gefährte, mein Freund, mein Vertrauter!!

Zu dem körperlichen Schmerz kommt das gebrochene Vertrauen, der Schmerz der Seele. Und auch die Frage nach Gott. Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Eine Frage, die wahrscheinlich viele Frauen stellen, die Gewalt erfahren haben, vielleicht auch die christlichen Mädchen in Nigeria. Vielleicht aber haben sie sich aber gerade in ihrem größten Schmerz an den geklammert, der selbst von einem Freund ausgeliefert worden ist an seine Peiniger, der selbst vor einer grölenden Menge gedemütigt worden ist und unter dem Spott seiner Feinde am Kreuz gestorben ist. Vielleicht ist manchen Frauen, die Gewalt leiden, Gott in dem Gekreuzigten ganz nah und vielleicht, vielleicht gibt der auferstandene Gekreuzigte mit seinen Wundmalen den Überlebenden die Kraft, selbst aufzustehen gegen die Gewalt und leben zu lernen mit den erlittenen Wunden. Vielleicht.
 
Uns ist die grauenhafte Geschichte aus dem Richterbuch jedenfalls eine bleibende Mahnung, über die Erfahrungen von sexualisierter Gewalt nicht hinwegzusehen, sie nicht auszublenden aus unserem gemeindlichen Leben. Bei uns gibt es inzwischen glücklicherweise viele Einrichtung, die betroffenen Frauen professionelle Hilfe bieten. Das ist in vielen anderen Ländern nicht so. Oft werden vergewaltigte Frauen dort immer noch aus der Familie und der Gemeinschaft, manchmal sogar aus der christlichen Gemeinde ausgestoßen. Dass das nicht so weitergeht ist ein Anliegen auch der VEM, das wir durch Spenden unterstützen können. Aber wir alle sind gefragt, das spezifische Leid von Frauen, die sexualisierter Gewalt ausgesetzt waren oder immer noch sind, im Gebet vor Gott und in der Gemeinde zur Sprache zu bringen und alles zu tun, dass Frauen damit nicht allein bleiben. Und gleichzeitig sind alle, die mit der Erziehung von Jungs zu tun haben in der Pflicht, ein Männlichkeitsverständnis zu vermitteln, das frei ist von Gewalttätigkeit und Machtgelüsten über Frauen.

Die grausame Geschichte im Buch der Richter hat kein happy end. Im Gegenteil, die Rachefeldzüge gegen die Täter, die der Levit selbstgerecht in Gang setzt, bringen nur neues Elend über die Menschen und führen zu neuen Massenvergewaltigungen von Frauen, so wie das in vielen Kriegen der Fall ist. 600 Jungfrauen sind es in diesem Fall, die den gegnerischen Soldaten ausgeliefert werden.

Aber im hebräischen Kanon der Bibel folgt auf die Geschichte der „Schandtat von Gibea“ wie sie bei Luther betitelt wird, im 1. Buch Samuel direkt eine Geschichte von großer Zärtlichkeit eines Mannes zu seiner Frau: die Geschichte von Hanna. Die Bibel zeigt hier und an anderen Stellen: Es geht auch anders. Und anders soll es auch heute überall gehen zwischen Männern und Frauen: mit Liebe und Respekt und auch im Konflikt: ohne Gewalt.


Sylvia Bukowski